Die Geschichte des Schülerheims

Die Geschichte des Schülerheims

Das Rüthener Schülerheim bot zahlreichen Schülerinnen und Schülern während der Schulwoche ein Zuhause und ermöglichte ihnen so den regelmäßigen Besuch des heutigen Friedrich-Spee-Gymnasiums, ohne eine täglich lange und beschwerliche Anreise auf sich nehmen zu müssen. Insbesondere vietnamesische Schülerinnen und Schüler sowie Aussiedlerinnen und Aussiedler profitierten von dieser Einrichtung, da sie gemeinsam mit anderen Jugendlichen lebten, deren Schulweg ebenfalls zu weit gewesen wäre.

Ursprünglich war die Einrichtung eines Schülerheims für Kinder vorgesehen, die bereits in den frühen Morgenstunden in der Schule eintreffen mussten und oft erst am späten Nachmittag wieder zu Hause ankamen. Einige von ihnen befanden sich zudem in einem gesundheitlich schlechten, teilweise unterernährten Zustand. Um diesen Umständen entgegenzuwirken und gleichzeitig den Fortbestand der Schule zu sichern, äußerten Eltern den Wunsch nach einem Internat in Rüthen.

 



Ein konkreter Vorschlag kam von Oberstudiendirektor Dr. Poschmann, der anregte, das Haus am Österntor des Eigentümers Wilhelm Wenge als Internat zu nutzen.

 „Herr Wenge ist bereit, sein Haus Österntor für ein Internat zur Verfügung zu stellen. Er ist auch bereit, in kürzester Frist ein oder mehrere Häuser zu bauen, in denen die Familien untergebracht werden könnten, die jetzt in dem Wengschen Haus am Österntor wohnen“.

Parallel dazu entwickelten Pfarrer Dr. Tilmann und Dr. Poschmann die Idee, das Schülerheim auch zur Förderung des Priesternachwuchses aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone zu nutzen. Die Schulbehörde in Münster genehmigte daraufhin die Aufnahme von 40 Jungen in eine Sonderklasse der Aufbauschule. Da es in Westfalen nur wenige solcher Schulen gab, fiel die Wahl schnell auf die ehemalige Rüthener Aufbauschule.

Für die Unterbringung dieser Schüler war ein Internat unvermeidbar, das zunächst Platz für 40 und später für bis zu 100 Schüler bieten sollte. Einrichtungsgegenstände und Betten waren bereits vorhanden. Zudem argumentierte Dr. Poschmann mit den wirtschaftlichen Vorteilen für die Stadt: Der Staat investierte bereits jährlich über 100.000 Reichsmark in die Schule, wovon lokale Gewerbetreibende profitierten. Mit der Erweiterung zu einer sogenannten Doppelanstalt hätten sich diese Einnahmen voraussichtlich verdoppelt. Darüber hinaus wären weitere finanzielle Mittel durch Ausgaben für Kleidung und Nahrung in die Stadt geflossen. Diese wirtschaftlichen Argumente dienten offensichtlich dazu, den Amtsdirektor von der Notwendigkeit des Projekts zu überzeugen. Ohne ein Internat, würde die Schülerzahl stark sinken, was aufgrund der Größe Rüthens zur Schließung der Aufbauschule führen könnte.

Die Umsetzung des Vorhabens gestaltete sich jedoch zunächst schwierig. Wilhelm Wenge lehnte schließlich die Nutzung seiner Gebäude für ein Internat ab und vermietete Teile stattdessen an eine Textilfirma. Auch alternative Gebäude standen nicht zur Verfügung. Zwischenzeitlich wurde sogar erwogen, das Schülerheim in das leerstehende Schloss Körtlinghausen zu verlegen. Dieser Plan scheiterte jedoch an organisatorischen Probleme, insbesondere daran, dass ein regelmäßiger Transport durch Busse der Caritas erforderlich gewesen wäre.

Trotz dieser Rückschläge hielt Dr. Poschmann an seinem Vorhaben fest und betonte neben den wirtschaftlichen auch die sozialen Vorteile eines Schülerheims. Besonders für Mädchen war dies von großer Bedeutung, da es in der näheren Umgebung kaum weiterführende Bildungsmöglichkeiten gab. Lange Schulwege seien für viele von ihnen nicht möglich, sodass ein Internat ihnen überhaupt erst den Schulbesuch ermöglichen konnte.

Am 21. Mai 1949 war es schließlich so weit: Das Schülerheim wurde eingerichtet und bezogen.

 

 

 

 

Es erhielt den Namen „Katholisches Schülerheim St. Petrus Canisius“ und wurde von der „Arbeitsgemeinschaft zur Studienförderung ostvertriebener Schüler“ gegründet. Anfangs waren die Mittel knapp, und die Schülerinnen und Schüler lebten unter beengten Bedingungen. Doch durch die Unterstützung verschiedener Institutionen verbesserten sich die Lebensumstände nach und nach. Schon bald stieg die Zahl der Bewohner auf über 50 an, sodass ein Neubau erforderlich wurde.  Der Bau begann im Jahr 1951.

 



Das Schülerheim verfolgte das Ziel, begabten, häufig aus den ehemaligen Ostgebieten vertriebenen Jugendlichen eine qualifizierte schulische Ausbildung zu ermöglichen. Dabei ging es nicht allein um schulische Leistungen, sondern ebenso um die persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Sie sollten zu selbstständigen und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heranwachsen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Heim sowie eine klar strukturierte Tagesordnung unterstützten dieses Anliegen.

Darüber hinaus spielte das Gemeinschaftsleben eine zentrale Rolle. Werte wie Mitverantwortung, Zusammenhalt und religiöse Orientierung prägten den Alltag im Heim. Für viele der Jugendlichen, die ihre ursprüngliche Heimat verloren hatten, gewann auch der Begriff „Heimat“ eine neue Bedeutung. Das Schülerheim sollte ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln und ihnen Halt in einer neuen Umgebung geben.

Im Schülerheim spielte das gemeinschaftliche Leben eine zentrale Rolle. Der Alltag war durch feste Regeln, religiöse Orientierung und klare Strukturen geprägt. Die Jugendlichen mussten sich an diese Vorgaben halten, sollten aber gleichzeitig Aufgaben übernehmen und Verantwortung im Heimalltag tragen.

Feste und gemeinsame Veranstaltungen gehörten zum Jahresablauf und wurden teilweise von den Schülern mit organisiert. Dabei ging es auch darum, das Zusammenleben zu ordnen und die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.


Auch auf körperliche Aktivität wurde geachtet. Freizeit und Sport, besonders am Wochenende, waren feste Bestandteile des Tagesablaufs. Gleichzeitig reichten die vorhandenen Räume auf Dauer nicht aus, da die Zahl der Schüler zunahm. Die Unterbringung war deshalb beengt, weshalb schließlich ein Neubau notwendig wurde.


Gleichzeitig stellte das Schülerheim ein gelungenes Beispiel für Integration dar. Die Bewohner hatten die Möglichkeit, ihre kulturellen Wurzeln zu pflegen, etwa durch Heimatabende, Heimattreffen oder heimatliche Kunst und Kultur. Dennoch wurde großer Wert darauf gelegt, dass sie sich in die neue Gemeinschaft integrierten und aktiv am Leben in Rüthen teilnahmen. Dies gelang beispielsweise durch den Austausch mit den im Heim lebenden, einheimischen Schülern.

 

Erstelle deine eigene Website mit Webador