Die Geschichte des Schülerheims 

Das Rüthener Schülerheim bot in den Jahren 1951-1988 zahlreichen Schülerinnen und Schülern während der Schulwoche ein Zuhause und ermöglichte ihnen so den regelmäßigen Besuch des heutigen Friedrich-Spee-Gymnasiums, ohne eine tägliche, lange und beschwerliche Anreise auf sich nehmen zu müssen. Da Rüthen eine der wenigen Aufbauschulen in Westfalen war, kamen Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland. Darüberhinaus wurden einige Schulanmeldungen nachträglich wieder zurückgezogen, da die Schüler keinen Wohnraum in Rüthen fanden. Insbesondere vietnamesische Schülerinnen und Schüler sowie Aussiedlerinnen und Aussiedler profitierten von dieser Einrichtung, da sie gemeinsam mit anderen Jugendlichen lebten, deren Schulweg ebenfalls zu weit gewesen wäre.

Ursprünglich war die Einrichtung eines Schülerheims für Kinder vorgesehen, die bereits in den frühen Morgenstunden in der Schule eintreffen mussten und oft erst am späten Nachmittag wieder zu Hause ankamen. Einige von ihnen befanden sich zudem in einem gesundheitlich schlechten und teilweise unterernährten Zustand. Hierbei muss man darauf hinweisen, dass die ersten Pläne zur Errichtung eines Schülerheims im Jahre 1948 aufkamen, also drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Lernenden waren demnach gezeichnet von Hunger, Krankheiten und Armut
. Um diesen Umständen entgegenzuwirken und gleichzeitig den Fortbestand der Schule zu sichern, äußerten Eltern den Wunsch nach einem Internat in Rüthen.

Katholisches Schülerheim

Ein konkreter Vorschlag kam am 16. März 1948 von Oberstudiendirektor Dr. Poschmann, der anregte, das Haus am Oesterntor des Eigentümers Wilhelm Wenge als Internat zu nutzen.

 „Herr Wenge ist bereit, sein Haus Österntor für ein Internat zur Verfügung zu stellen. Er ist auch bereit, in kürzester Frist ein oder mehrere Häuser zu bauen, in denen die Familien untergebracht werden könnten, die jetzt in dem Wengschen Haus am Österntor wohnen“.

Parallel dazu entwickelten Pfarrer Dr. Tillmann und Dr. Poschmann die Idee, das Schülerheim auch zur Förderung des Priesternachwuchses aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone zu nutzen. Die Schulbehörde in Münster genehmigte daraufhin die Aufnahme von 40 Jungen in eine Sonderklasse der Aufbauschule. Da es in Westfalen nur wenige solcher Schulen gab, fiel die Wahl schnell auf die ehemalige Rüthener Aufbauschule.

Für die Unterbringung dieser Schüler war ein Internat unvermeidbar, das zunächst Platz für 40 und später für bis zu 100 Schüler bieten sollte. Einrichtungsgegenstände und Betten waren bereits vorhanden. Es gibt Vermutungen über die Herkunft der Einrichtungsgegenstände, so könnten sie möglicherweise Spenden der Tilmann Stiftung gewesen sein. Zudem argumentierte Dr. Poschmann mit den wirtschaftlichen Vorteilen für die Stadt: Der Staat investiere, so Poschmann, bereits jährlich über 100.000 Reichsmark in die Schule, wovon lokale Gewerbetreibende profitierten.

Mit der Erweiterung zu einer sogenannten Doppelanstalt hätten sich diese Einnahmen voraussichtlich verdoppelt. Darüber hinaus wären weitere finanzielle Mittel durch Ausgaben für Kleidung und Nahrung in die Stadt geflossen. Diese wirtschaftlichen Argumente dienten offensichtlich dazu, den Amtsdirektor von der Notwendigkeit des Projekts zu überzeugen. Ohne ein Internat würde die Schülerzahl stark sinken, was aufgrund der geringen Größe Rüthens zur Schließung der Aufbauschule führen könnte.

Die Umsetzung des Vorhabens gestaltete sich jedoch zunächst schwierig. Wilhelm Wenge lehnte schließlich die Nutzung seiner Gebäude für ein Internat ab und vermietete Teile stattdessen an eine Textilfirma. Auch alternative Gebäude standen nicht zur Verfügung. Zwischenzeitlich wurde sogar erwogen, das Schülerheim in das leerstehende Schloss Körtlinghausen zu verlegen. Dieser Plan scheiterte jedoch aufgrund organisatorischer Probleme, da ein regelmäßiger Transport zur Schule durch Busse der Caritas erforderlich gewesen wäre.

Trotz dieser Rückschläge hielt Dr. Poschmann an seinem Vorhaben fest und betonte neben den wirtschaftlichen auch die sozialen Vorteile eines Schülerheims. Besonders für Mädchen war dies von großer Bedeutung, da es in der näheren Umgebung kaum weiterführende Bildungsmöglichkeiten gab. Lange Schulwege seien für viele von ihnen nicht möglich, sodass ein Internat ihnen überhaupt erst den Schulbesuch ermöglichen konnte.

Am 24. April 1949 war es schließlich so weit. Das Schülerheim zog in das ehemalige Caritas Gebäude in der Hachtorstraße 21. Es erhielt den Namen „Katholisches Schülerheim St. Petrus Canisius“ und wurde von der „Arbeitsgemeinschaft zur Studienförderung ostvertriebener Schüler“ gegründet. Das Gebäude diente jedoch ausschließlich als Ort zum Lernen und Essen. Zum Schlafen mussten die etwa 25 Schüler bei Rüthener Familien unterkommen. Hierbei entstanden die ersten Freundschaften.  Im Herbst 1949 kamen weitere 15 bis 20 und im „Alten Rathaus“ wurde ein Raum in der ersten Etage als Schlafplatz hergerichtet.

Das Schülerheim verfolgte das Ziel, begabten, häufig aus den ehemaligen Ostgebieten vertriebenen Jugendlichen, eine qualifizierte schulische Ausbildung zu ermöglichen. Dabei ging es nicht allein um schulische Leistungen, sondern ebenso um die persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Sie sollten zu selbstständigen und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heranwachsen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Heim sowie eine klar strukturierte Tagesordnung unterstützten dieses Anliegen.

Darüber hinaus spielte das Gemeinschaftsleben eine zentrale Rolle Werte wie Mitverantwortung, Zusammenhalt und religiöse Orientierung prägten den Alltag im Heim. Für viele der Jugendlichen, die ihre ursprüngliche Heimat verloren hatten, gewann auch der Begriff „Heimat“ eine neue Bedeutung. Das Schülerheim sollte ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln und ihnen Halt in einer neuen Umgebung geben. Der Alltag war durch feste Regeln, religiöse Orientierung und klare Strukturen geprägt. Die Jugendlichen mussten sich an diese Vorgaben halten, sollten aber gleichzeitig Aufgaben übernehmen und Verantwortung im Heimalltag tragen.
Feste und gemeinsame Veranstaltungen gehörten zum Jahresablauf und wurden teilweise von den Schülern mit organisiert. Dabei ging es auch darum, das Zusammenleben zu ordnen und die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Auch auf körperliche Aktivität wurde geachtet. Freizeit und Sport, besonders am Wochenende, waren feste Bestandteile des Tagesablaufs.

Anfangs waren die Mittel knapp, und die Schülerinnen und Schüler lebten unter beengten Bedingungen. Doch durch die Unterstützung verschiedener Institutionen verbesserten sich die Lebensumstände nach und nach. Schon bald stieg die Zahl der Bewohner auf über 50 an, sodass ein Neubau erforderlich wurde. Zunächst war geplant, das Schülerheim direkt neben der Schule zu erbauen, dieser Plan blieb jedoch erfolglos, da der Bereich neben der Schule für eine spätere Erweiterung des Gymnasiums vorgesehen war. Als eine erfolgsversprechende Alternative stellte sich das Grundstück gegenüber der Schule heraus. Der Regierungsrat Dambleff aus Soest fertigte kostenlose Pläne an. Des Weiteren halfen einige Rüthener ehrenamtlich beim Bau mit ihren Fuhrwerken.  Baumaterial wurde von der Stadt Rüthen gespendet und die Schüler selbst unterstützten den Bau während einer Woche ihrer Sommerferien. Auch das Ministerium unterstütze den Bau finanziell.

Das Bauvorhaben begann 31. Juli 1951, im Oktober desselben Jahres wurde Richtfest gefeiert.  Am 1. Juli 1952 wurde das Internat eingeweiht und von den mittlerweile 70 Schülern bezogen. Nur 30 von ihnen konnten dort auch schlafen. Die anderen waren in privaten Familien untergebracht und kamen zum Essen im Schülerheim zusammen.

Da die Kapazitäten für über 100 Schüler nicht ausreichten, zogen am 01. Mai 1954 die Schüler der Förderklasse zum Heidberg, welcher 7 km von Rüthen entfernt war (Richtung Brilon). Mit dem Bus wurden sie täglich um 6 Uhr zur Schule gebraucht und nachmittags wieder abgeholt. Man merkte jedoch, dass dieser Plan nur eine Übergangslösung war, was dazu führte, dass die Planung einer Erweiterung des Heimes notwendig machte. Aus der Planung folgten schnell Taten: Der Anbau wurde von 1955 bis 1956 errichtet. Auch 1966 wurde ein Erweiterungsbau geplant und umgesetzt, wodurch das Gebäude modernen Anforderungen gerecht wurde und Platz für 100 Schüler bot.

Ab den 80er Jahren ging die Zahl der Aussiedler und somit die Zahl der Heimbewohner zurück. Um die Schüleranzahl zu sichern, kam 1982 der Beschluss des Heimverereins, ebenfalls auf Anordnung der Schulleitung, dass vietnamesische Schüler und ab 1985 auch Mädchen, in das Schülerheims ziehen dürfen. Die Maßnahmen verbesserten die Lage des Schülerheims nur für kurze Zeit, weshalb ab dem Jahr 1987 das Internat nur noch mit Verlusten geführt wurde. Da es auch keine Aussicht auf neue Schülerinnen und Schüler gab, beschloss der Vorstand das Schülerheim ab dem Ende des Schuljahres 1987/88 zu schließen.

Es fanden sich schnell neue Eigentümer, welche das Schülerheim in ein Altenheim umbauten. Der Heimverein beschloss, mit dem Verkaufserlös eine Stiftung zu gründen, welche das kulturelle Leben in Rüthen förderte.

 “Das Schülerheim im Schlangenpfad hat in den vergangenen 39 Jahren über 1200 Jugendlichen Aufnahme geboten, und viele von ihnen haben durch das Heim eine Hilfe erfahren, die für ihr späteres Leben bedeutsam wurde. Es hat seine Aufgabe erfüllt, indem es versucht hat, jungen Menschen zu helfen, die infolge des 2.Weltkrieges durch Flucht, Vertreibung oder Spätaussiedlung betroffen wurden. darüber hinaus Jugendlichen den Besuch eines Gymnasiums zu ermöglichen, die durch die ungünstige Lage ihres Wohnortes vom Besuch einer höheren Schule ausgeschlossen gewesen wären. (H. Pilters)

Das Schülerheim stellt ein gelungenes Beispiel für Integration dar. Die Bewohner hatten die Möglichkeit, ihre kulturellen Wurzeln zu pflegen, etwa durch Heimatabende, Heimattreffen oder heimatliche Kunst und Kultur. Dennoch wurde großer Wert darauf, dass sie sich in die neue Gemeinschaft integrierten und aktiv am Leben in Rüthen teilnahmen. Dies gelang beispielsweise durch den Austausch mit den im Heim lebenden, einheimischen Schülern.

Rüthener Kulturstiftung Dr. Tillmann 

Der Gründer und erste Heimleiter, Prälat Dr. Jur. Paulus Tillmann (1906 bis 1984), ist der Namenspraton der „Rüthener Kulturstiftung Dr. Tillmann“.

Er konnte sich hervorragend in die Schülerinnen und Schüler hineinversetzen, vor allem in die SBZ-Flüchtlinge, da er ein ähnliches Schicksal mit ihnen teilte. Auch er wurde aus seiner Wahlheimat Schlesien vertrieben. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bildung, Kunst, Kultur und den Heimatgedanken in Rüthen zu fördern. Sie verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke.

Altes Rathaus

Ehemaliges Caritasheim

Inneneinrichtung letzter Anbau (modernisiert)

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